Du bist hier: sportalis Bocholt  >  Artikel  >  Der Unterschied zwischen Ju Jutsu und Jiu Jitsu/Ju Jitsu

15.12.2010: was ein "i" bewirken kann...

Der Unterschied zwischen Ju Jutsu und Jiu Jitsu/Ju Jitsu

Kampfsportarten sind für nicht Involvierte schwer auseinanderzuhalten. Bei einer der ältesten Kampfsportart überhaupt wird es noch einmal komplizierter. Denn gibt es einen Unterschied zwischen Jiu Jitsu und Ju Jitsu? Und was ist dann Ju Jutsu? sportalis mit einem Bericht aus dem Buchstabendschungel...

 

 

 

Ju-Jutsu, Jiu-Jitsu, Ju-Jitsu - eigentlich wissen nur Insider über die Unterschiede oder um die Existenz verschiedener Stilrichtungen. Zwei Stilrichtungen um genau zu sein. Denn: Ju Jitsu und Jiu Jitsu sind ein und die selbe Sportart. Die unterschiedliche Schreibweise kommt durch länderspezifische Umwandlungen in die arabische Schriftsprache. Bleibt also der Unterschied zwischen Jiu Jitsu und Ju Jutsu zu klären.

Matthias Holder, Referent für Öffentlichkeitsarbeit in der Sektion Jiu-Jitsu im WJV (Württembergischer Jiu-Jitsu Verband) hat sich für uns an die Aufklärung gemacht:

Der "große" Unterschied

Rein äußerlich, also nach der technischen Ausführung, erkennen auch Kenner und Könner den Unterschied zwischen den beiden Sportarten nur sehr schwer, bezieht er sich doch vorrangig auf die administrativen, ethischen und historischen Hintergründe. Die Bezeichnungen Jiu-Jitsu und Ju-Jutsu besitzen beide dieselbe Übersetzung ("sanfte Kunst") und bedienen sich derselben Kanji (jap. Schriftzeichen). Dies erklärt auch, warum international, v. a. im englischsprachigen Raum, beide Begriffe synonym benutzt werden und sich Unterschiede zwischen verschiedenen Stilen des Jiu-Jitsu oder Ju-Jutsu nur durch die genaue Bezeichnung der Stilrichtung (Ryu) manifestieren. Beide Stile haben ein Ziel: Sie wollen dem Übenden die Möglichkeit geben, sich im Ernstfall auch ohne Einsatz von Hilfsmitteln seiner Haut zu erwehren. Wozu dann zwei fast identische Stile?

Ju-Jutsu - eine Auftragsarbeit des Deutschen Judo-Bundes

Gehen wir zur Klärung dieser Frage zuerst auf die Entstehungsgeschichte beider Stile ein. Das Ju-Jutsu entstand um 1969 als Auftragsarbeit des Deutschen Judo-Bundes (DJB), der herausragende Meister aus dem Judo, Aikido und Karate damit beauftragt hatte, ein DJB-eigenes, deutsches Selbstverteidigungssystem zu schaffen. Das Ju-Jutsu in Deutschland ist also ein noch relativ junges System, das eine Synthese verschiedener Kampftechniken darstellt, quasi ein Kunstprodukt (ohne den negativen Beigeschmack dieses Wortes einbeziehen zu wollen). Das Jiu-Jitsu in Deutschland sieht sich - je nach Verband und dessen Zielrichtung - in der unmittelbaren Tradition zum japanischen Jiu-Jitsu der Samurai und / oder zum Kano-Jiu-Jitsu, dessen philosophisch-methodisches Element, der Do, fest implementiert ist. Besonders sind hier das "Ökonomieprinzip", also der Grundsatz vom größtmöglichen Nutzen einer Technik bzw. möglichst geringem Einsatz, und das "Sozialprinzip", in dem erstmals die gegenseitige Verantwortung der Trainingspartner und die Verantwortung des Jiu-Jitsuka über das Dojo hinaus festgelegt wurde, zu erwähnen.

 

Fast identische Schreibweise - unterschiedliche Trainingssprache

Die unterschiedlichen Entstehungsgeschichten finden ihren Niederschlag auch in den verwendeten Trainingssprachen. Bedient man sich im Ju-Jutsu der deutschen Bezeichnung von Techniken, legt man im Jiu-Jitsu die originalen japanischen Bezeichnungen zugrunde.

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen beiden Stilen besteht in der Konzeption der technischen Ausbildung. Stellt das Ju-Jutsu ein System dar, begreift sich das Jiu-Jitsu als Methode. In der Umsetzung bedeutet dies, dass der Schüler im Ju-Jutsu einen fest vorgeschriebenen Weg von Technikvorgaben durchläuft, die von den Verantwortlichen als ideal festgelegt wurden. D.h. jeder Schüler einer bestimmten Gürtelstufe muss dieselben Techniken absolvieren und beispielsweise bei Prüfungen beherrschen. Diese Techniken sind verbindlich vorgeschrieben.

Die Methode des Jiu-Jitsu beschränkt sich selbst darauf, dem Schüler die einzelnen Bauteile einer Technik und sinnvolle Kombinationen dieser Einzelteile zu vermitteln. Der Schüler hat dadurch die Möglichkeit, Techniken entsprechend seiner persönlichen Präferenzen zu entwickeln. So ist es möglich, dass im Grunde jeder Jiu-Jitsuka sein eigenes, ganz persönliches Jiu-Jitsu entwickelt und sich solche Techniken für den Ernstfall aneignet, die er instinktiv und aus eigenem Antrieb umsetzen kann. Diese Offenheit ermöglicht es schließlich auch, dass ständig Techniken und Abläufe anderer Stile in das Jiu-Jitsu übernommen werden, wodurch sich eine schier unglaubliche Bandbreite an Möglichkeiten ergibt. Diese Vielseitigkeit wird dem Jiu-Jitsu von Kritikern und Gegnern gelegentlich vorgeworfen, bezeichnen Außenstehende es teilweise doch als "hochkünstlerische, überladene Selbstverteidigung". Der Jiu-Jitsuka kann dem jedoch zweifellos entgegenhalten, dass eben diese Vielseitigkeit eine sehr hohe Effizienz im Falle eines Ernstfalls darstellt, aber auch ein ständig interessantes und abwechslungsreiches sportliches Betätigungsfeld gewährleistet. Schließlich wird auch niemand von ihm verlangen, alle Komponenten perfekt zu beherrschen, vielmehr ermöglicht ihm die Vielfalt ein organisches Wachstum seines Stils und dessen evolutionäre Änderung über die Jahre.

Der Unterschied zwischen Jiu-Jitsu und Ju-Jutsu bezieht sich also vorrangig auf die geistigen, moralischen und historischen Hintergründe und die Art der Ausübung und Ausbildung. Die Wahl der Stilrichtung und die Unterscheidung erstreckt sich daher für den Einzelnen eher auf eine Mentalitätsfrage, seine persönliche Zielsetzung und sein Interesse für die geistigen Hintergründe des Budo. Beide Stilrichtungen haben dasselbe Ziel und erreichen es auch, nur eben auf unterschiedlichen Wegen. Das Ju-Jutsu als rein funktional ausgerichtete Sportart, das Jiu-Jitsu als Kunst, die zusätzlich versucht, die Traditionen zu wahren und einen eher individuell-experimentellen Ansatz bietet.

Viele junge Sportler und Funktionäre beider Stilrichtungen haben diese Ähnlichkeit zwischenzeitlich erkannt und sind dabei, die von verbohrten Stilfanatikern über Jahrzehnte errichteten Schranken und Vorbehalte wieder einzureißen. Letztendlich sollte sich seriöser Budosport nicht gegenseitig in Grabenkämpfen zerfleischen, sondern sich gemeinsam gegen all jene schwarzen Schafe stellen, die durch phantastische Versprechen, noch viel phantastischere Gürtelgrade und unglaubliche Gebühren versuchen, sich eine goldene Nase zu verdienen und das auf Kosten aller seriösen Budoka.

 

Autor: Matthias Holder- Referent für Öffentlichkeitsarbeit

Login                    Passwort