07.10.2009: Sportartenvorstellung: Gerätturnen

Nein, beim Gerätturnen wird nicht mit Reifen und Ball geturnt, sondern an Geräten. Heute stellen wir Euch die komplexe Sportart vor, die ein Optimum an Körperbeherrschung voraussetzt.
Sportartenvorstellung Turnen
Das Gerätturnen ist eine olympische Sportart, die das Turnen an Geräten beschreibt.
Das männliche und weibliche Gerätturnen unterscheidet sich im Wettkampfsport durch verschiedene Geräte.
Männer turnen an sechs- Frauen an vier Geräten.
Die Disziplinen der Männer:
Boden, Pauschenpferd, Ringe, Sprung (über Sprungtisch im Leistungssportbereich; Pferd längs, Kasten, Bock im Breitensportbereich), Parallelbarren, Reck
Die Disziplinen der Frauen:
Sprung (über Sprungtisch im Leistungssportbereich; Pferd quer, Kasten, Bock im Breitensportbereich), Stufenbarren, Schwebebalken, Boden
In offiziellen Wettkämpfen, wie z. B. bei den Olympischen Spielen werden insgesamt 14 Wettbewerbe ausgetragen (sechs Gerätefinale bei den Männern, vier Gerätefinale bei den Frauen, Mehrkampf Frauen, Mehrkampf Männer, Mannschaftsmehrkampf Frauen, Mannschaftsmehrkampf Männer).
Das Turnen, als organisierter Sport entwickelte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Im Zuge des Idealismuses (1790 bis 1810) entstand ein neues, idealisiertes Menschenbild. Die Bildungsreform trug dazu bei, dass die "nationale Leibeserziehung" (z.B.: das Jahnsche Turnen) auch im Schulsport integriert wurde. Nach und nach wurde der Sport zur Massenbewegung und in Vereinen organisiert. 1896, bei den ersten Spielen der Neuzeit feierte das Gerätturnen erstmals olympisches Debüt. Unter dem Hitlerregime wurde der Sport militarisiert. Die Dachverbände wurden aufgelöst und dem Reichsbund für Leibesübungen unterstellt.
Das Bodenturnen wurde erst 1936 als Wettkampfdisziplin beim Gerätturnen eingefügt.
Training:
Im Breitensportbereich ist das Gerätturnen ein vielfältiges Ganzkörpertraining. Das Bewegungserleben und das Sammeln von Bewegungsmustern steht hier im Mittelpunkt. Durch die spielerische Eingewöhnung an alle Geräte werden die koordinativen Fähigkeiten (Differenzierungsfähigkeit, Reaktionsfähigkeit, Kopplungsfähigkeit, Orientierungsfähigkeit, Gleichgewichtsfähigkeit, Umstellungsfähigkeit, Rhythmisierungsfähigkeit) ausgebildet. Das Training im unteren Nachwuchsbereich stellt die Ausbildung vielfältiger Bewegungserfahrungen in den Vordergrund:
-Klettern, Hangeln, Schwingen, schaukeln, Stützen
-laufen, rennen, Hüpfen Springen, fliegen, Landen
-Balancieren, rutschen
-Rollen, Drehen, rotieren
Im Leistungssportbereich ist neben den Bewegungserfahrungen auch die Ausbildung der Kraft, Körperspannung und der Beweglichkeit von entscheidender Bedeutung. Ein gezieltes Krafttraining überwiegend mit dem eigenen Körpergewicht ist elementarer Bestandteil jeder Trainingseinheit. Im Alter von etwa zwölf Jahren müssen alle Basisfähigkeiten beherrscht sein. Dies setzt bereits im Kindesalter (5-12 Jahre) ein großes Trainingspensum mit 2-5 Trainingseinheiten/Woche voraus.
Bewertung:
Die internationalen Wertungsvorschriften sind in dem Code de Pointage verankert. Alle Elemente sind in Schwierigkeitsgrade eingeteilt. Die Skala reicht von A-Elemente (einfaches Element) bis F-Elemente (Höchstschwierigkeit). Seit 2006 setzt sich die Gesamtnote aus zwei Teilnoten zusammen. Die A-Note errechnet sich anhand der Schwierigkeiten, die B-Note beschreibt die Qualität der Ausführung. Die Addition beider Teilnoten ergibt die Endwertung. Derzeit erreichen Spitzenturner Wertungen zwischen 15.0 und 16.5 Punkten. Die Höchstnote ist 20.
Sprung (m/w):
Seit der WM 2001 wurde das traditionelle Sprungpferd durch den Sprungtisch abgelöst. Männer haben im Mehrkampf nur einen Versuch über den 1,35 m hohen Sprungtisch. Frauen haben im Mehrkampf zwei Sprünge, Höhe 1,25 m.
Nach maximal 25 m Anlauf erfolgt der beidbeinige Absprung von einem gefederten Sprungbrett. Der Sprungtisch darf nur mit den Händen berührt werden.
Im Leistungsbereich wird zwischen Vorwärts- und Rückwärtssprüngen
unterschieden. Bei einem Vorwärtssprung ist die Blickrichtung beim Absprung zum Sprungtisch gerichtet. Rückwärtssprünge oder Rondatsprünge werden mit einer Radwende eingeleitet.
Ein Sprung beim Gerätturnen lässt sich in zwei Flugphasen einteilen.
1.Flugphase: vom Absprung bis zum Aufsetzten der Hände
2.Flugphase: vom Abdruck der Hände bis zum Stand
Gängige Sprünge im Breitensport:
Sprunghocke
Handstützüberschlag
Boden (m/w):
Eine Bodenkür wird im Wettkampf auf einer 12m mal 12m Fläche geturnt. Die gesamte Fläche muss ausgenutzt werden. Eine Bodenkür setzt sich aus akrobatischen und gymnastischen Elementen zusammen und dauert zwischen 60 und 90 Sekunden. Frauen turnen ihre Kür mit Musik. Typische Elemente, die in die Choreographie mit eingebunden werden müssen, sind Gymnastische Sprünge, Drehungen, sowie akrobatische Elemente (vorwärts, rückwärts, seitwärts). Bei den Männern sind Kraft- Gleichgewichts- und Beweglichkeitselemente besondere Anforderungen.
Gängige Akrobatik-Kombinationen im Breitensport:
Anlauf Radwende Strecksprung mit 1/2 Drehung Flugrolle
Anlauf Handstützüberschlag vorwärts Flugrolle
Pauschenpferd (m):
das Turnen am Pauschenpferd ist durch eine flüssige, rhythmische Kreisbewegung gekennzeichnet. Alle Teile (Mitte und die beiden Enden) des Seitpferds müssen in die Kür mit einbezogen werden. Neben den typischen Kreisflanken mit geschlossenen Beinen gibt es Varianten mit gespreizten Beinen, sowohl zwischen den Pauschen, als auch auf den Pauschen. Pendelschwünge und Übergange in den Handstand sind weitere Elementgruppen beim Seitpferdturnen. Das Pauschenpferd hat eine Höhe von der Mattenkante aus eine Höhe von 1.05m.
Im unteren Nachwuchsbereich wird bei Wettkämpfen statt eines Pauschenpferds ein Turnpilz benutzt. Dieser runde "Hocker" ist etwa 50cm hoch wird auch zu Trainingszwecken benutzt.
Im Breitensportbereich wird kein Pauschenpferd geturnt.
Ringe (m):
Im Gegensatz zu den Schaukelringen im Breitensportbereich dürfen die Standringe beim olympischen Turnen nicht gekreuzt werden oder ins Schaukeln geraten. Die Kür beim Ringeturnen setzt sich aus Schwung-, Halte-, und Kraftelementen zusammen. Oft münden Schwungelemente über den Hang und Handstand in einzelnen Haltekraftelementen. Diese Verbindungen sind Höchstschwierigkeiten, die ein Maxium an Kraft voraussetzen. Die Ringe dürfen nur zum Abgang losgelassen werden.
Von der oberen Mattenkante aus hängen die Ringe auf 2,60 m Höhe.
Parallelbarren (m):
Im Hochleistungssport wird am Barren sowohl in der Holmgasse, als auch im Querverhalten an einem Holm geturnt. Eine Barrenübung zeichnet sich durch Schwung- und Flugelemte aus. Der Barren ist 3,50m lang, 180 hoch, die Breite wird von jedem Turner individuell eingestellt.
Gängige Elemente im Breitensport:
- Oberarmstand
- Schwingen im Stütz
Reck (m):
Das Reck ist das Königselement des Turnens. Eine Reck-Übung im Spitzensport ist eine fließende Bewegung ohne Pausen. Sie setzt sich aus Langschwüngen mit und ohne Drehungen in verschiedenen Griffvarianten (Riss-, Kamm-, Zwie-, Ellgriff), Flugelementen und stangennahen Elementen zusammen. Eine wunderschöne Reckübung findet ihr hier:
http://www.youtube.com/watch?v=mfYunvjCUsY
Klassische Übung im Breitensport:
Aufschwung - Umschwung - Unterschwung
Stufenbarren (w):
In den Anfängen des Stufenbarrenturnens wurde ein Holm des "männlichen" Parallelbarrens hochgestellt. Eine Übung zeichnete sich damals durch viele Holmwechsel und gymnastisch Übergänge vom unteren zum oberen Holm aus auch statischen Elementen gehörten damals zur Stufenbarrenkür. Heute hat sich der Stufenbarren zu einem eigenständigen Gerät im weiblichen Gerätturnen entwickelt. Der moderne Stufenbarren ist ein Spannbarren, der mit Drahtseilen im Boden verankert ist. Die beiden kreisrunden Holme sind elastisch und können auf einen Abstand von bis zu 1,80 auseinandergedreht werden. Dies ermöglicht ein wesentlich dynamischeres Turnen mit holmfernen Elementen. Das heutige Barrenturnen ähnelt - bis auf die Holmwechsel- dem Reckturnen bei den Männern. Weitere Informationen zum Stufenbarrenturnen.
Schwebebalken (w):
Das Zittergerät der Frauen. Auf dem 10cm breiten Turngerät soll eine maximal 90 sek. lange Kür geturnt werden. Ähnlich wie beim Bodenturnen gibt es gymnastische Elemente (Sprünge, Drehungen) und akrobatische Elemente (Salti, Flick Flacks, Rad). Die Übung soll in einem harmonischen Wechsel zwischen Akrobatik und Gymnastik geturnt werden. Angang und Abgang gehören mit zur Choreographie. Der Schwebebalken ist 5 Meter lang und ca. 1,25m hoch.
Fotos: www.dtb-online.de
Text: Jutta Kühle